Die meisten Männer, die ich kenne, kultivieren Männlichkeit – als Maske. Die wenigsten sind sich dessen jedoch bewusst. Zudem denken und handeln sie gerne in den Kategorien größer, höher, schneller, weiter, besser – insbesondere im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenossen. Sie wollen sich mit anderen messen. Ihre zentrale Frage lautet : Wer ist die coolste Sau (und Sau wird durchaus als Kompliment empfunden)? Aber was ist cool? „Coolness“ ist Definitionssache – junge Männer verstehen darunter sicherlich etwas anderes als ältere. Einigkeit dürfte jedoch darüber bestehen, dass Macht und Geld und insbesondere Erfolg (sportlich, beruflich, bei Frauen etc.) für die meisten Männer wichtige Aspekte darstellen. Kein Wunder, denn dieser Dreiklang wird uns in den westlichen Gesellschaften schon von Kindesbeinen an vermittelt. Obendrein lassen wir uns noch einreden, dass dies alles nur mit Leistung und harter Arbeit zu erreichen sei. Männer definieren sich besonders über ihre Arbeit, ihren Beruf, der leider nur in den wenigsten Fällen ihrer Berufung entspricht. Sie arbeiten, malochen, schuften. Sie verdienen Geld, um sich, ihrer Frau/Freundin, ihren Kinder etwas bieten zu können. Für das neue Auto, Motorrad, das Haus mit Garten arbeitet man(n) gerne noch ein paar Extrastunden, 40 Stunden in der Woche sind ja noch nicht genug. Vielleicht klappt es dann schneller mit der Beförderung und dem höheren Gehalt. Paradoxerweise trieben diese Lebenseinstellung die ehemals antikapitalistischen, kommunistischen Länder mit dem Begriff des „Helden der Arbeit“ auf die Spitze. Aber welchen Preis zahlen wir dafür?

„Du sollst es einmal besser haben als ich“, sagte mein Vater hin und wieder. Er hat extrem viel gearbeitet und damit unserer Familie ein schönes Zuhause ermöglicht. Dafür bin ich ihm dankbar, aber er war, selbst wenn er physisch anwesend war, kaum greifbar – insbesondere emotional. Gerne hätte ich mehr erfahren, was ihn bewegt, wie er sich als Mann fühlt, wie er zu dem Mann wurde, als den ich ihn kennen gelernt habe. Zeitlebens war unsere Beziehung merkwürdig emotionslos. Wie es tief in ihm drinnen aussah, durfte, sollte niemand sehen. Aber das ist typisch für den westlichen Mann, vor 40 Jahren genauso wie heute. Männer sind Meister im Verbergen, Kaschieren, Verdecken. Bloß keine Schwäche zeigen, sich keine Blöße geben! Sonst hat mann gleich den Ruf eines Weicheis, Warmduschers oder Lusche.

Emotionen sind Frauensache, Männer sind für die Logik zuständig, Punkt. Dem weiblichen Geschlecht werden die Herzensangelegenheiten zugeschrieben, dem männlichen alle Verstandesgelegenheiten. Erschreckenderweise machen sich viele Frauen, vor allem die berufstätigen, karriereorientierten, zunehmend die männliche, verstandesbasierte Einstellung zu eigen. Dann verlieren sie sich selbst in den Untiefen männlich geprägter Macht- und Ränkespiele. Von weiblicher Energie ist bei Karrierefrauen nur noch sehr wenig zu spüren.

„Außen hart und innen ganz weich“ sang Herbert Grönemeyer in den 1980er Jahren. Gerade die Männer, die nach außen hin besonders hart auftreten, sind meist emotional verletzt und bedürftig. Sie wollen sich ihr verletztes inneres Kind nicht anmerken lassen – niemandem gegenüber, keiner Frau, keinem Mann. Die Vorlage stammt von ihren Vätern, und die wiederum haben sie von deren Vätern. Die wenigsten bemerken jedoch, dass diese Maske männlicher Coolness, der harten Schale, die sie vor Verletzung schützen soll, sie im Grunde nur noch mehr in die emotionale Einsamkeit treibt. Ein Teufelskreis.

Dass er seine wahren Emotionen nicht zeigt, gilt auch für den Mr. Nice Guy. Er mimt den Frauenversteher, hält sich für emanzipiert, bleibt aber in allen Belangen passiv und vermeidet Konflikte. Seine weiche, verletzliche Seite nach außen hin zu zeigen bleibt bei ihm Außenprojektion. Im Laufe der Jahre hat er gelernt, dass dies bei den Frauen (Mutter, Schwester, Freundin, Partnerin) in seinem Leben gut ankommt. Sein Trick ist die Abgrenzung vom männlichen Gegenmodell des harten Kerls, des Machos. Was ihn zutiefst emotional bewegt, bleibt dennoch genauso hinter einer Maske verborgen. Im Grunde sehnt er sich nach mehr Männlichkeit, denn er ist emotional abhängig, von der Zuneigung und den Liebesbekundungen der Frauen, die ihn umgeben.

Je mehr die Grenzen der Polarität von männlich und weiblich in den westlichen Gesellschaften verschwimmen, umso mehr sind insbesondere Männer verunsichert. Oft sind sie völlig orientierungslos im Verhalten gegenüber Frauen, insbesondere in Paarbeziehungen. Sie fragen sich: wie komme ich bei den Frauen an, wie komme ich noch besser an? Was möchten die Frauen? Darauf zielen die zahlreichen Tipps in Männerzeitschriften, von Internetratgebern, Männlichkeitscoaches oder Flirtschulen. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, aber sie zeigen eben auch die große Verunsicherung, in dem Sinne, wie verhalte ich mich als Mann richtig. Was für ein Erwartungsdruck! Vor allem an sich selbst. Der moderne Mann glaubt, alles perfekt machen zu müssen. Da bleibt kein Platz für Makel oder gar Schwäche. Ferner sind sich die wenigsten bewusst, dass sie mit derartigen Fragen die Frau als Objekt der Begierde gedanklich umkreisen wie Motten das Licht. Statt sich auf die eigene Identität zu konzentrieren, betrachten und bewerten sie fast alles in Relation zum weiblichen Geschlecht und dessen möglicher Kritik. Nicht das selbst-bewusste Ich des Mannes steht dann im Zentrum des Denkens sondern alle weiblichen Geschöpfe als natürlicher Gegenpol des Männlichen. In der Konsequenz entspricht das männliche Auftreten und Handeln in diesem Fall einem Re-Agieren. Agieren, Aktion, Bewegung entsprechen jedoch vielmehr dem männlichen Naturell.

Hier wird das Dilemma vieler Männer offensichtlich. Sie verschwenden eine Menge Energie auf die Pflege von Äußerlichkeiten, des Scheins, einer Maske von Männlichkeit. Im Kern bleiben sie jedoch der kleine Junge, der Mutti alles recht machen will, aus Angst ihre Liebe und Zuneigung zu verlieren. In ihrer Entwicklung sind diese Männer irgendwo in der Pubertät stecken geblieben. Leider erhöhen diese Männer dabei die Frau, insbesondere in Paarbeziehungen, zur angebeteten Übermächtigen. Der Wunsch ihr zu gefallen, sich ihre Gunst zu sichern, meist in Verbindung mit einer unbestimmten Angst vor Zurückweisung, kann bis hin zu Selbstaufgabe und Depression reichen. Damit liefern sie sich im Extremfall jedoch vollkommen aus, geben die Macht ab. Keine gute Voraussetzung für eine harmonische und ausgeglichene Beziehung auf Augenhöhe.

Vielleicht hat der Feminismus auf lange Sicht auch bewirkt, dass sich immer mehr Männer fragen: Was heißt, was bedeutet wahre Männlichkeit für mein Mann-Sein? Erkenne Dich selbst! hieß es in den Mysterienschulen des Altertums.